ESMO 2026 Folge#7: Kongress-Fazit - neue Wirkprinzipien, Studienstandort Deutschland & Praxis-Realitäten
Shownotes
In dieser Abschlussfolge live aus Madrid lassen Host Harald Müller-Huesmann und Dr. David Liesenfeld die intensiven Tage des Europäischen Krebskongresses (ESMO) 2026 Revue passieren und ordnen die Ergebnisse übergeordnet für Klinik, Forschung und Praxisalltag ein. Welche Paradigmenwechsel stehen bevor, wie behauptet sich der Studienstandort Deutschland und was lehrt uns der vorzeitige Abbruch der MOIO-Studie?
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Hola, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! Hier ist wieder zum letzten Mal aus Madrid Harald Müller-Huesmann vom Europäischen Krebskongress, dem ESMO. David Liesenfeld und ich, wir haben den Anfang gemacht. Und David, ich will nicht sagen, wir machen auch den Kehraus. Denn morgen gibt es eigentlich noch einmal ein paar Stunden Best of ESMO des Jahres. Aber ich habe dann immer auch ein ungutes Gefühl, wenn die Gänge leer sind, die Industrieausstellung gar nicht mehr da ist und eigentlich alle schon wieder gen Heimat geflogen und an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt sind. Wie geht es dir?
Ja, hola, Harald, mir geht es ähnlich. Wir haben Montagabend und sind ein bisschen müde. Das ist immer ein langes ESMO-Wochenende. Genau am Dienstag sitzen wir schon im Flieger, während hier noch so ein bisschen die Best-of-Abstracts-Session läuft. Das müssen wir heute Abend einfach vorziehen. Was waren deine Highlights?
Puh, was waren meine Highlights? Ich hatte ja schon so ein bisschen die INTerpath-Studie angekündigt, das Wirkprinzip mRNA-Impfstoff. Ich musste aber auch schon während der Vorstellung erkennen: Puh, bis das in den klinischen Alltag kommt – die Herstellung des Impfstoffs! Ich will gar nicht wissen, wie teuer das denn wird. Ich glaube, bis es bei uns in Kassel beziehungsweise Paderborn ankommt, wird es noch dauern.
Man muss trotzdem attestieren: Es ist ein neues Wirkprinzip. Es gibt zum ersten Mal Phase-III-Evidenz, und es hat funktioniert. Für mich ist eigentlich eher die spannende Frage: Wie kann es weiterentwickelt werden? Wir wissen, es läuft noch eine Studie beim NSCLC. Wir selbst [die Firma Roche] haben eine Partnerschaft mit BioNTech beim Pankreaskarzinom. Aber da sind trotzdem noch viele offene Fragen. Das ist immer spannend, wenn es sozusagen zum ersten Mal Evidenz gibt – und dann die Frage, wie die Antworten sind.
Absolut, genau. Es war ja wie bei den Checkpointinhibitoren: Als wir die ersten Daten beim Melanom gesehen haben, waren wir alle fasziniert. Ähnlich ist es ja auch bei den ADCs, ein großes Thema auch wieder hier auf dem Europäischen Krebskongress. Man kann sich die Namen gar nicht mehr merken. Das sind Zungenbrecher, die auch in den Vorträgen nur noch mit Abkürzungen genannt werden, weil auch die Vortragenden diese Wirkstoffnamen nicht aussprechen können. Das war schon ganz witzig.
Da sehen wir eine große Macht. Das war schon auf dem amerikanischen Krebskongress so: Aus China kommt eine Flut und auch eine schnelle Datenrekrutierung. Wie empfindest du das hier?
Ich habe da so gemischte Gefühle. Wir beobachten das ja schon seit Längerem, in den letzten Podcasts, die wir gemeinsam vom amerikanischen Krebskongress aufgenommen haben, und jetzt wieder beim ESMO: Chinesische Daten sind nicht mehr wegzudenken.
Man muss auch ehrlicherweise zugestehen: Wir haben heute in der Presidential Session eine positive Studie beim Osteosarkom bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gesehen, Phase-III-Evidenz, randomisiert, mehr als 100 Patienten. Das kann man in so einer seltenen Entität wahrscheinlich fast nur noch in China rekrutieren. Auch die haben eine Menge an Zentren gebraucht, als wir da die Karte gesehen haben.
Ja, das sind alles Millionen- oder Zehn-Millionen-Städte.
Es waren mindestens 20, 30 auch. Deswegen glaube ich: China muss auch ein Partner sein. Ich glaube, da kommt auch für uns viel Innovation her. Das Beispiel Osteosarkom zeigt es: Das war ein B7-H3-gerichtetes ADC, das hier sehr gute Wirksamkeit gezeigt hat.
Wir selbst haben – du hast es gesagt, wir kürzen sie eigentlich nur noch mit den Silben ab; das war Ris-Rez – Tam-Peli, das wir auch bald beim Ewing-Sarkom, aber auch bei ganz vielen Entitäten verfolgen werden. Da ist China auch ein Partner und tatsächlich eine Quelle an Innovation. Das muss man neidlos anerkennen.
Ja, ich habe mich auch am Rande des Kongresses unterhalten. Da geht schon so ein bisschen die Sorge um den deutschen Studienstandort um. Wie werden wir neue, teure Medikamente in den Markt hineinbekommen, sodass sie erstattet werden? Wenn die natürlich mit Preisabschlägen auf den Markt kommen und den amerikanischen Markt versauen, dann kann man die Firmen auch verstehen, wenn sie vielleicht in naher Zukunft sagen: „Nein, dieses Medikament lassen wir gar nicht mehr in Europa zu. Ihr könnt es gerne für teures Geld aus den USA importieren.“
Na ja, es gibt natürlich – und das haben wir auch gehört – Firmen, die das genauso tun, mit Named-Patient-Programmen et cetera. Auf der anderen Seite wäre ich nicht so negativ. Ich glaube, ich würde vor allem den Studienstandort Deutschland an der Stelle noch nicht abschreiben.
Ich meine Krascendo 1: ein Highlight für mich persönlich. Ich habe es in der Eingangsfolge schon gezeigt. Das war ein Paukenschlag bei KRAS G12C in der Second Line. Die Studie hat mehr als zehn Prozent aus Deutschland rekrutiert. Wir waren da eines der am besten rekrutierenden Länder. Ich glaube, da ist die letzte Messe noch nicht gelesen, und ich würde den deutschen Studienstandort nicht vorschnell abschreiben.
Ja, da kann ich dir nur beipflichten. Es liegt ja auch an uns allen. Ich war ja auch Mentor der Young-Medical-Oncologists-Gruppe der AIO. Da habe ich zwei total motivierte, engagierte, intelligente Kolleginnen und Kollegen getroffen, die das Ganze vorantreiben. Da denke ich: Boah, wenn wir so einen Nachwuchs haben, dann habe ich eigentlich auch keine Sorge um die Zukunft.
Ich habe Jakob Kather, den KI-Experten Deutschlands, getroffen und auch gesagt: Wir müssen da an einem Strang ziehen. Es kann nicht sein, dass jede Universität oder jedes CCC-Zentrum seine eigene KI-Strategie fährt. Da müssen wir alle an einem Strang ziehen. Ich hoffe, dass uns das auch gelingen wird.
Ich bin ganz bei dir. Wir haben ja wieder einmal ein Erlebnis gehabt: Du bist ein klasse Networker. Wir haben festgestellt, da sind Leute aus Berlin und München, die eigentlich sehr ähnliche Sachen machen, und du hast sie wieder zusammengebracht. Ich glaube, dahin muss die Reise gehen.
Wenn wir uns die Daten aber noch einmal anschauen: Bei mir hallt noch so ein bisschen die letzte Presidential Session nach. Was ich sehr beachtlich fand – ich glaube, daran kann ich mich zumindest nicht erinnern: eine Presidential Session, in der eine eigentlich formal negative und auch abgebrochene Studie, vom IDMC gestoppt, in der Presidential Session gelandet ist, weil die Fragestellung so relevant war und weil die Daten für die Praxis so informativ sind. Da ging es um die schon angesprochene MOIO-Studie. Was ist dein Take dazu?
Ja, da muss ich meine Philosophie vielleicht auch ein bisschen verändern. Wir haben auch die PERSEE-Studie beim Lungenkarzinom gesehen. Die IO-Therapie plus Chemotherapie oder das frühe Strecken, Intervallverlängerungen bei einer Checkpointinhibitor-Therapie, ist vielleicht nicht superklug, sondern man sollte den Patienten die Therapie auch offerieren. Und vielleicht auch diese ganzen Deeskalationsstudien … Ich glaube, das müssen wir uns in naher Zukunft noch einmal näher anschauen, um wirklich zu schauen: Ist eine Checkpointinhibition lifelong, also ein Leben lang? Oder können wir da bei irgendwem im Rahmen eines Shared Decision Making die Therapie absetzen?
Ich denke, wir müssen weiterhin kluge Fragen stellen. Die Franzosen haben da einfach eine sehr kluge Frage gestellt. Manchmal bekommt man dann eben auch eine sehr deutliche Antwort. Ich fand es schon sehr bezeichnend: Die Studie wurde vom IDMC, also dem Independent Data Monitoring Committee, vorzeitig gestoppt, weil man beim Überlebenssignal eine Hazard Ratio von 2,0 irgendwas gesehen hat. Also im Endeffekt eine Verdopplung des Risikos zu versterben durch diese Reduktion.
Nichtsdestotrotz: Die Fragestellung war total relevant, und es ist toll, dass sie es dann in die Presidential Session geschafft hat.
Ja, es ist eine mutige Studie. Die ist auch nicht von Pharma getrieben, sondern universitär. Da müssen wir auch in Deutschland schauen, wie sie alle heißen: AGO, AIO, also die ganzen Fachgesellschaften. Wir müssen weiterhin kluge Fragen stellen, um die Forschung beim Krebs voranzutreiben.
Es war wieder ein fantastischer ESMO. Wir hatten beide in der ganzen Zeit noch keinen Abend, an dem wir Tapas gegessen haben, obwohl wir Ihnen hier aus Madrid immer sehr gerne Tapas von Don Harald serviert haben. Ich hoffe, dass wir das heute Abend mal schaffen.
Ich bedanke mich ganz herzlich wieder für dieses tolle Format, sehr informativ, sehr kurzweilig. Ich hoffe, es hat Ihnen auch gefallen. David, dir gehört das Schlusswort.
Harald, danke. Es hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, wie immer. Es war ein bewegter ESMO, auch zu Fuß. Ich glaube, wir hatten immer jenseits der 20.000 Schritte auf der Uhr.
Absolut, ja, ja.
Wir haben wahnsinnig viele Daten gesehen und auch wieder viel, was wir mit nach Hause nehmen und, glaube ich, noch verarbeiten müssen. In dem Sinne: Like and subscribe, und bis zum nächsten Mal. Wir sehen uns wieder beim AIO, oder?
Hola, genau. Der nächste Stop ist AIO in Berlin. Adiós!