ESMO 2026 Folge #6: Presidential Sessions - personalisierte mRNA-Vakzine und die Grenzen der Deeskalation

Shownotes

In dieser Folge live aus Madrid vom Europäischen Krebskongress (ESMO) 2026 ordnet Host Harald Müller-Huesmann gemeinsam mit Prof. Dr. Michael von Bergwelt (LMU Klinikum München) die hochrangigsten Late-Breaking Abstracts und Plenarvorträge des Kongresses ein.

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Hola, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! Hier ist wieder Harald Müller-Huesmann vom ESMO aus Madrid. Ich serviere Ihnen jetzt die exquisiten Tapas mit Professor Michael von Bergwelt aus München. Lieber Michael, ganz herzlich willkommen in meinem Podcast! Wie waren die Presidential Sessions für dich?

Lieber Harald, vielen Dank! Ich freue mich total, dabei zu sein, weil wir, glaube ich, mit Fug und Recht sagen können, dass es ein besonderer Kongress war. Nicht nur die Stadt, die ich nicht so gut kannte, hat mich wirklich beeindruckt, sondern vor allem das, was wir in den Presidentials gehört haben.

Da gab es ein paar übergeordnete Themen. Wir haben sehr dominierend die Immuntherapie vorgefunden, personalisierte Therapie, aber auch die Kombination von beiden – dazu komme ich gleich beim Melanom – und multimodale Therapien. Es ging mit den Linien immer weiter nach vorne. Für mich wirklich beeindruckend war die starke Präsenz der chinesischen Kollegen, und zwar mit einer hohen Qualität. Das war schon wegweisend. Aber sollen wir anfangen, vielleicht mit dem ersten Abstract?

Ja, Late-Breaking Abstract Nummer eins: die INTerpath-Studie beim Melanom in der adjuvanten Situation, ein neues Wirkstoffprinzip. Was gab es da?

Genau, das ist ein Prinzip, das mich selber interessiert. Es geht um ein personalisiertes mRNA-Vakzin. Man hat die resezierten Tumoren genommen, um zu schauen, welche typischen Eiweiße, welche Antigene in diesem Tumor zu finden sind, die sich sonst nicht im normalen Körper des Patienten finden. Bis zu 34 solcher Targets pro Patient hat man in einem mRNA-Wirkstoff hergestellt.

Das ist ein Verfahren, mit dem ich mich witzigerweise schon im Postdoc vor über 20 Jahren in den USA beschäftigt habe. Daran sieht man auch, wie lange die Entwicklungszeiten sind. Hier reden wir aber nicht von einem Postdoc, sondern von einer Phase-III-Studie mit wirklich beeindruckenden Ergebnissen.

Es ging um den Vergleich von Pembrolizumab plus Placebo und Pembrolizumab plus Intismeran. Die Idee ist, dass man einen solchen Impfstoff noch weiter beschleunigt, quasi wie mit einem Katalysator, wenn man ihn mit einer Checkpointblockade verbindet. Hier gab es ein ganz eindeutiges Ergebnis: Die Rekurrenz, also das Wiederauftreten der Erkrankung, oder der Tod konnten um 42 Prozent reduziert werden, bei einer wirklich sehr guten Verträglichkeit. Für mich ist das ein ziemlicher Schritt nach vorne.

Was die Tumorimmunologen letztendlich diskutiert haben: Es fehlt so wirklich der letzte Beweis, dass diese Spezifität gegen die Antigene das Ergebnis getriggert hat. Oder vielleicht ist es so ein bisschen wie mit der COVID-Impfung in der Pandemie, dass sie die Checkpointblockade verstärkt. Ich persönlich glaube, dass das eine wirklich spezifische Immunantwort ist. Das werden die Nachuntersuchungen in den nächsten Wochen und Monaten sicherlich zutage fördern. Auf jeden Fall ein sehr starkes Signal.

Klinisch wird es sich natürlich mit neoadjuvanten Ansätzen vergleichen müssen, Ipi/Nivo zum Beispiel. Da fehlt jetzt der Vergleich. Aber ich glaube, da sind wir einen Riesenschritt nach vorne. Es gibt eine ganze Menge anderer immunogener Tumoren, Blase zum Beispiel, aber auch Lunge, bei denen solche Ansätze in Zukunft sicherlich intensiv beforscht werden – das läuft schon – und auch eine Rolle spielen werden.

Du bist ja mein CAR-T-Zell-Experte in der Hinterhand. Als ich mir den Vortrag angehört und angeschaut habe, habe ich mir als Kliniker an der Front natürlich vorgestellt: Ist das alles so praktikabel, das wegzuschicken und dann wiederzubekommen? In der Studie hat es funktioniert. Aber ich glaube, bis wir es wirklich in den Alltag implementieren, wird es noch ein bisschen dauern, oder?

Ja, absolut. Da stellt sich natürlich die Frage des Patient Access: Kommt der Patient auf dem flachen Land daran, insbesondere wenn das Land nicht Deutschland heißt? Aber ich glaube, hier geht es um Proof of Concept, also um den Nachweis eines neuen Ansatzes. Den halte ich für sehr vielversprechend.

Was im Gegensatz zu den CAR-T-Zellen das Besondere ist: Die mRNA ist wirklich günstig. Wenn man sie in der Fläche anbietet und produziert, ist das eine ganz andere Hausnummer. Von daher denke ich: Da müssen wir genau hinschauen, da sehe ich durchaus eine Zukunft.

Ein anderes Wirkprinzip, das sich immer mehr durchsetzt, sind die bispezifischen T-Zell-Engager. Das war für mich das ESMO-Highlight.

Ja, genau. Da gibt es zum Beispiel etwas bei der Lunge, das war auch in der ersten Presidential Session. Beim Kleinzeller ging es um die Frage nach Tarlatamab in der Erhaltung. Da gibt es aus der DeLLphi-303-Studie – ich glaube, das ist auch schon im anderen Podcast besprochen worden – ganz gute Vordaten.

Was die Bispecifics besonders macht: Sie bringen die T-Zelle an den Tumor heran. Das eine Ende bindet die T-Zelle, das andere den Tumor. Wir wissen, dass diese besonders gut wirken, wenn die Tumorlast niedrig ist. Diese Erfahrung haben wir seit vielen Jahren bei der akuten lymphatischen Leukämie mit Blinatumomab. Da wissen wir, dass die Patienten besonders profitieren, wenn der Tumor erst einmal ein bisschen debulkt ist.

Das ist letztendlich auch hier das Setting. Das sind Patienten, die eine Platindoublette bekommen haben. Die Frage ist, ob Tarlatamab die Effizienz der Checkpointblockade weiter verstärken kann oder nicht. Die Sorge waren natürlich ein bisschen die Nebenwirkungen. Wir wissen, dass sie neben Hämatotoxizität auch einen Zytokinsturm machen.

Die Ergebnisse waren in zweierlei Hinsicht positiv: einerseits eine Überlegenheit beim Ansprechen, PFS und Overall Survival, aber auch eine bessere Verträglichkeit als in den vorher gelaufenen Studien. Möglicherweise, weil hier die Tumorlast niedriger war als zum Beispiel im fortgeschrittenen Tumorsetting. Oder vielleicht, weil die Vorbehandlung der Patienten etwas konsequenter durchgeführt wurde.

Für dich in der Praxis ist das ein ganz wichtiges Thema: Bisher bei Tarlatamab 24 Stunden Nachbeobachtung. Ich nehme an, dass du es in diesem Setting in der Praxis noch nicht eingesetzt hast?

Doch, haben wir schon. Aber ich habe ja das Backbone, dass das Krankenhaus direkt in meinem Rücken ist.

Gut, aber wahrscheinlich nicht bei der Erstgabe, nehme ich an. Auf jeden Fall: Jetzt ist es so, dass sich der Beipackzettel wahrscheinlich ändern wird. Denn in den USA war die Nachbeobachtung nur ein bis zwei Stunden, in Europa sechs bis acht Stunden. Das lässt sich in einem tagesklinischen Setting wahrscheinlich gut abbilden, auch im ersten Zyklus.

Ganz wichtig: Die Ursache, dass man sich das traut, ist, dass das CRS weniger ausgeprägt ist und das ICANS auch. Von daher nicht nur ein Signal, was die Tumorkontrolle betrifft, sondern auch ein Sicherheitssignal. Das ist natürlich extrem spannend.

Am letzten Tag haben wir heute, am Montag, auch in den letzten Late-Breaking Presidential Sessions seltene Tumoren gesehen, bei denen es langsam vorangeht. Das finde ich auch immer ganz besonders gut. Da haben wir die ARTEMIS-Studie gesehen, eine große Phase-III-Studie. Du hattest die chinesischen Daten eben schon angesprochen: Das ist ein riesiges Land, das schnell rekrutieren und bei einer so seltenen Tumorentität eine solche Studie präsentieren kann.

Absolut. Ich bin immer beeindruckt – die Hämatologie ist ja mein schmales Fenster –, wenn die Kollegen mir von hämatologischen Abteilungen mit 500 oder 600 Betten erzählen. Das erklärt auch, warum sie so etwas rekrutieren können.

Hier ging es nicht um Hämatologie, sondern um Osteosarkome. Insofern ist es eine spannende Studie: Man benutzt ein ADC gegen B7-H3. Die Abkürzung des Wirkstoffs ist Ris-Rez.

Man kann sich das schon gar nicht mehr merken, diese Abkürzungen.

So ist es. Das wurde mit Gem/Doce verglichen. Hier sind ein paar spannende Dinge: Es war eine Kohorte ab zwölf Jahren, also waren Kinder und Erwachsene dabei. Das muss man in einer Studie erst einmal abbilden, von den ganzen Einschlusskriterien, aber auch vom Management her.

Die Ergebnisse waren relativ eindeutig, was das PFS betrifft: deutliche Überlegenheit, auch beim Tumoransprechen. Das Overall Survival ist noch nicht signifikant, geht aber auf jeden Fall in die richtige Richtung. Ein sehr spannendes Medikament. Zum Toxizitätsprofil: Die Hämatotoxizität ist nicht ohne.

Ein Osteosarkom würde man ja wahrscheinlich zunächst im stationären Setting behandeln, nehme ich an. Da können wir das, glaube ich, ganz gut managen.

Was mir aufgefallen ist, ist der niedrige BMI. Der niedrige BMI der Kohorte war 22. Ich habe versucht, vergleichbare Studien bei Europäern zu finden, das ist aber nicht gleich. Das hat mich insofern etwas nachdenklich gemacht, weil dieses ADC ja eine Immuntherapie ist.

Wir sagen ja immer, asiatische Studien könne man wegen der Genetik nicht eins zu eins übertragen. Aber wir wissen auch – das ist für CAR-T-Zellen und die Checkpointblockade gezeigt –, dass Leute, die so ein bisschen gut im Futter sind, sage ich mal, eher besser auf Immuntherapie ansprechen. Das wird man noch einmal in einer westlichen Kohorte reproduzieren können. Ich will aber das Ergebnis, das mich beeindruckt hat, nicht schmälern.

Die letzte Studie, die ich mit dir besprechen will, ist eine, bei der ich gedacht hätte: Boah, die wird bestimmt positiv, weil ich klinisch eigentlich immer den Eindruck habe. Das war die MOIO-Studie.

Bei MOIO geht es um eine Frage, über die viel diskutiert wird: Ist das, was wir bei der Checkpointblockade mit Dosisdichte und Dosismenge machen, korrekt? Oder liegen wir in der Dosis zu hoch und mit den Intervallen zu dicht beieinander?

Man hat etablierte Regime, die man immer wieder mit anderen Dingen vergleicht. Es gibt zum Beispiel aus den Niederlanden recht spannende Daten zu Dosisreduktionen. Mit Blick auf ressourcenknappe Systeme ist das hochspannend. In der Maus, sage ich mal, reichen möglicherweise Konzentrationen von fünf bis zehn Prozent dessen, was wir anwenden. Das Thema Konzentration wurde heute nicht untersucht, sondern die Intervalle.

Da hat man sich etwas ganz kräftig Mutiges getraut: Bei einer gemischten Kohorte von Patienten mit soliden Tumoren unter Checkpointblockade, sozusagen nach der First Line, hat man Standardintervalle mit reduzierten Intervallen von zwölf Wochen verglichen.

Also alle drei Monate eine Gabe, oder?

Genau. Da hätten wir beide gedacht, das passt schon. Es hat aber überhaupt nicht gepasst, muss man sagen. Die Studie wurde vorzeitig abgebrochen, weil es einen klaren Vorteil im Overall Survival bei den Patienten im Standardarm gab. Sie hat zwar ihre Futility-Kriterien nicht erreicht, aber da hat das Scientific Advisory Board zu Recht kalte Füße bekommen und gesagt: Das muss man abbrechen.

Zwei Dinge habe ich noch mitgenommen. Das eine: Die Nebenwirkungen waren jetzt nicht geringer. Ich argumentiere durchaus immer, wenn ich dafür argumentiere, es sei auch besser verträglich.

Ja, genau. Ich auch.

Das stimmt nicht. Das andere ist: Wir wissen, dass Checkpointblockade nicht gleich Checkpointblockade ist. Es wurde gesehen, dass der Unterschied beim Nierenzellkarzinom deutlich weniger ausgeprägt war als bei den anderen. Das ist sicherlich eine Fragestellung, an die man noch einmal herangehen muss. Aber zunächst ein eindeutiges negatives Ergebnis.

Lieber Michi, ganz herzlichen Dank für diesen Gang durch die Presidential Sessions des ESMO 2026! Für mich geht es morgen wieder nach Paderborn. Anfang Dezember werde ich aber auch wieder in München sein, denn dort spielt der SC Paderborn gegen Bayern München. Wirst du auch im Stadion sein?

Ja, bei einem so hochklassigen Gegner natürlich. Ich freue mich, wenn wir uns da sehen, Harald. Vielen Dank für das nette Gespräch!

Dann wünsche ich dir eine gute Heimreise und bis zum nächsten Mal.

Danke, bis bald!