ESMO 2026 Folge #4: GI-Onkologie – von Claudin 18.2 und ctDNA zu neuen ADCs

Shownotes

In dieser Folge live aus Madrid vom Europäischen Krebskongress (ESMO) 2026 fasst Host Harald Müller-Huesmann gemeinsam mit Prof. Dr. Sebastian Stintzing (Charité Berlin) die praxisverändernden Studien und Leitlinien-Updates zu gastrointestinalen Tumoren zusammen.

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Hallo, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, hier ist wieder Harald Müller-Huesmann vom Europäischen Krebskongress, dem ESMO, aus Madrid. Und es gibt wieder leckere Tapas, denn wir beschäftigen uns diesmal mit dem Gastrointestinaltrakt. An meiner Seite darf ich ganz herzlich Prof. Sebastian Stintzing von der Charité begrüßen. Sebastian, herzlich willkommen!

Ja, Harald! Schön, dass ich dabei sein darf. Ich freue mich, mit dir kurz und knackig zusammenzufassen, was es gerade auf dem ESMO neues zum Thema GI-Onkologie gibt.

Wir arbeiten uns von oben nach unten, denn erfreulicherweise wurden hier auch Leitlinien beim gastroösophagealen und Magenkarzinom harmonisiert. Was machen wir da jetzt Neues?

Also, endlich gehen wir hin und schauen uns die Histologie an und nicht sozusagen den Abstand vom Mageneingang. Das heißt, die AEG-Tumoren werden jetzt im Ösophagus relativ klar klassifiziert. Es gibt zwei Arten: Adenokarzinome und Plattenepithelkarzinome. Und ich glaube, das ist der richtige Schritt nach vorne. Wir müssen nach der Biologie gehen, und Adenokarzinome sind keine Plattenepithelkarzinome. Das heißt, die werden unterschiedlich behandelt. Das ist jetzt endlich auch in der Leitlinie angekommen. Das freut mich. Ich hoffe auch, dass wir keine internationalen Studien mehr sehen, die sozusagen „Speiseröhrenkrebs“ sagen und alle Histologien zusammenwerfen. Das ist jetzt absolut outdated, und ich hoffe, dass wir auch in Zukunft da weiter gute Studien sehen.

Das ist für uns natürlich auch an der Front relativ einfach, denn hier hat sich der perioperative Standard FLOT plus Durvalumab nicht verändert. Aber wenn wir uns das jetzt mal im metastasierten Stadium anschauen, dann heißt es: testen, testen, testen. Da testen wir auch schon länger Claudin 18.2. In der Presidential Session heute konnten wir uns die CLARITY-Gastric01-Daten anschauen. Erzähl mal: Was gab es da?

Ich glaube, man muss sagen: Presidential, du hast es schon genannt. Das ist sicherlich der wichtigste Beitrag in der GI-Onkologie in diesem Jahr auf dem ESMO, der in der Presidential Session vorgestellt wird. Warum? Wir haben praktisch eine Verdopplung des medianen Gesamtüberlebens gesehen. Hier wurde ein ADC, also ein Antikörper-Wirkstoff-Konjugat gegen Claudin 18.2, plus Chemotherapie gegen eine Standardchemotherapie getestet. Das Ergebnis, wie gesagt: Hazard Ratio 0,47. Praktisch eine Verdopplung des medianen Überlebens.

Das zeigt noch mal, wie wichtig das Testen wirklich ist: frühzeitiges Testen und frühzeitige Benutzung des jeweiligen Therapieprinzips. Ein kleiner Wermutstropfen ist vielleicht der Standardarm. Im Standardarm war natürlich kein Zolbetuximab enthalten. Das wird sicherlich interessant, wie unsere regulatorischen Kollegen das bewerten werden. Aber nichtsdestotrotz zeigt es, wie wichtig dieses Therapieprinzip ist. Die Zolbetuximab-Studie allein war sozusagen keine einzelne Schwalbe, sondern wir haben jetzt noch mal eine große Studie, die dasselbe Therapieprinzip mit einem ADC angeht. Sehr überzeugende Daten. Ich glaube, das wird die Zukunft sein. Und wie gesagt: ADCs sind ein hochinteressantes Thema beim Magenkarzinom, finde ich.

Übrigens auch hier: Die Claudin-18.2-Expression musste zu fünfundsiebzig Prozent positiv sein, also ganz genauso wie beim Zolbetuximab. Wir haben andere Antikörper in dem Bereich, die untersucht werden und bei denen auch niedrigere Level untersucht werden. Das ist Zukunftsmusik. Das werden wir morgen oder übermorgen sehen. Aber wichtig ist: Claudin muss getestet werden. Bei fünfundsiebzig Prozent und höherer Expression müssen wir einfach einen Claudin-18.2-Targeting-Agent benutzen.

Und für die Leute, die sich diesen ADC schon einmal merken wollen: Der heißt Sonesitatug vedotin. Der geht einem also ganz leicht von den Lippen.

Das Marketing wird einen guten Namen finden, hoffen wir mal.

Absolut, absolut. Wenn wir jetzt bei den ADCs weiterschauen und uns einen anderen molekularen Subtyp anschauen, die HER2/neu-positiven: Was gab es da Neues?

Ich meine, HER2/neu-Positivität, also das Targeting von HER2/neu, ist ja wirklich in den letzten Jahren ein hochaktives Feld gewesen. Was haben wir diesmal gesehen? Nun ja, eine Bestätigung unserer Herangehensweise, glaube ich. Es wurde noch mal eine chinesische Studie gezeigt, die einen ADC gegen HER2 getestet hat, und zwar in der Situation nach Trastuzumab. Das, was wir in DESTINY-Gastric auch bei kaukasischen Patienten gesehen haben, wurde hier mit einem anderen Antikörper, einem chinesischen ADC, noch mal getestet. Das Prinzip stimmt auch. Das bestätigt unser Vorgehen und die Wirksamkeit: dass ein ADC gegen HER2 wirksam ist.

Beim Brustkrebs haben wir es schon lange akzeptiert.

Genau. Das kennen wir schon lange. Das können wir jetzt endlich auch beim Magen akzeptieren. Aber es zeigt noch mal: testen, testen, testen. Ich glaube, das ist wirklich etwas, ohne das es einfach nicht mehr geht. Und ohne das sollten wir auch keine Therapieentscheidungen treffen.

Über allem strahlt ja sozusagen dieses Jahr 2027 – auch beim DGHO als Top One in der Hitparade genannt – die RASolute-302-Studie: Daraxonrasib beim Pankreaskarzinom. Gibt es beim Pankreaskarzinom etwas Neues?

Daraxonrasib, du hast es gesagt, ist das Neue. Wir erwarten ja wirklich die Zulassung und natürlich auch die Verfügbarkeit auf dem deutschen Markt. Ich glaube, da wird jetzt ganz, ganz viel gearbeitet werden müssen. Aber wir haben hier einfach noch mal Daten gesehen, die das Prinzip bestätigen und die noch mal ctDNA als molekulare Response anschauen. Ich sage mal: nice to have. Sobald die Therapie verfügbar ist – sie wird ja in der Zweitlinie zugelassen –, wird man das benutzen.

Nicht zu vergessen: Wir haben Erstlinienstudien auch mit Daraxonrasib in Kombination mit Zoldonrasib, die jetzt in Deutschland laufen. Also auch dort beim Pankreaskarzinom eigentlich ganz neu: genetisch testen. Das haben wir bisher ja nicht gemacht, nicht machen müssen.

Wir kriegen jetzt natürlich eine klare Zulassung, vermutlich für die RAS-mutierten. Würde ich mal so sehen. Obwohl über neunzig Prozent ja RAS-mutiert sind. Man hat auch die nicht RAS-mutierten in die Ursprungsstudie mit eingeschlossen. Aber wir müssen abwarten, wie der Zulassungstext im Endeffekt aussieht. Ich glaube, auch dort werden wir in Zukunft testen müssen, weil wir neben Daraxonrasib schon ganz, ganz viele andere RAS-Inhibitoren in Prüfung sehen, die dann spezifische RAS-Mutationen angehen und nicht sozusagen die gesamte RAS-Gruppe.

Aus deutscher Sicht beim Gallenblasenkarzinom: die ACTICCA-1-Studie. Auch lange rekrutiert, in der adjuvanten Situation Gemcitabin/Cisplatin versus Capecitabin. Da waren die Daten eher beruhigend und auch langweilig, oder?

Ja, ich sage mal: endlich fertig. Was haben wir gelernt? Wir bleiben beim Capecitabin. GemCis ist zu toxisch, glaube ich. Es ist kein relevanter Unterschied zu sehen, auch wenn die Kurven vielleicht minimal auseinandergehen. Ich behalte meinen Standard Capecitabin.

Ja, ich auch. Es ist einfach umsetzbar und für unsere Patientinnen und Patienten auch relativ nebenwirkungsarm.

Du bist der Spezi für das CRC. Ich bin ja ein Schüler Schmolls, und von daher kennen wir uns schon sehr, sehr lange. Kolorektal: Was gab es da Neues?

Relativ wenig, würde ich erst mal sagen. Was spannend war: Wir haben uns ja letztes Jahr alle so über die BREAKWATER-Studie gefreut. Die Frage ist: Was mache ich bei BRAF-mutierten Tumoren beim Progress? Hier gab es jetzt drei Studien, die in einer Session zusammengefasst waren.

Also Encorafenib und Cetuximab beyond progression: Mit der Hinzugabe von Binimetinib hat man etwas gesehen, zumindest auf molekularer Ebene. Wir haben gesehen, dass wir FOLFIRI dazugeben können, also nur das Backbone wechseln. Da sieht man einen Effekt. Weil es nicht randomisiert ist, wissen wir nicht: Ist es jetzt der Irinotecan-Effekt oder wirklich der EC-Effekt, der dabei ist?

Und dann die BRICKET-Studie unserer italienischen Freunde: eine klassische Rechallenge mit einer Liquid Biopsy davor. Enttäuschende Daten, negative Daten. Das ist offensichtlich nicht der Weg, den wir bei den BRAF-mutierten Tumoren gehen können. Da müssen wir uns noch etwas Neues einfallen lassen.

ctDNA ist auch ein wichtiges Thema. Haben wir auf dem Amerikanischen Krebskongress schon tolle Daten, auch aus Deutschland, gehört. Wie setzt du das im klinischen Alltag um, und wie siehst du da die Zukunft?

Ich sehe die Zukunft so, dass wir es im metastasierten Setting als Alternative haben. Dass wir irgendwann hoffentlich auch bezahlt und im EBM abgebildet eine genetische Testung aus Blut bekommen. Ich glaube, das wird nicht nur im Einzelfall, wo vielleicht eine Rebiopsie schwierig ist, sondern auch im Standardfall, wo wir schnelle Ergebnisse haben wollen, vieles für uns sehr, sehr vereinfachen. Die Daten, die wir jetzt kriegen, und die aktuellen Tests, die auf dem Markt sind, sind im metastasierten Setting für GI-Tumoren sicherlich gut genug, um die relevanten Mutationen auch zu erfassen.

MRD-Diagnostik sehe ich nach wie vor sehr, sehr kritisch. Also im frühen Stadium, beim Kolonkarzinom im Stadium II oder III: Wenn es positiv ist, haben wir Tumor, sollten wir eine Chemotherapie geben. Das hat Gunnar Folprecht uns, glaube ich, in der CIRCULATE-Studie ganz gut gezeigt. Wenn wir keine ctDNA nachweisen können, sind wir so schlau wie vorher. Die Tests, mit denen bisher die Studien gemacht worden sind, waren noch nicht sensitiv genug.

Aber hier gab es eine Extra-Session nur über ctDNA beim kolorektalen Karzinom. Toll, die war echt exzellent. Tolle Sachen. Da sieht man auch, welche Entwicklungen gemacht worden sind. Ich glaube, wir werden in Zukunft noch entscheidendere und überzeugendere Daten sehen.

Zum Abschluss das Rektum. Was gab es da noch?

Nichts Neues. Wir können beruhigt weitermachen wie bisher. Da hatten wir in den letzten fünf Jahren ein Auf und Ab und viele Diskussionen. Da gibt es nichts Neues. Machen Sie so weiter, wie Sie sich Ihren Standard daheim mit den Kollegen der Chirurgie und der Strahlentherapie erarbeitet haben. Ich glaube, da muss man sagen, haben wir jetzt gerade nichts Neues anzubieten.

Lieber Sebastian, ganz, ganz herzlichen Dank für diesen Parforceritt durch den Gastrointestinaltrakt. Ich hoffe, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, Sie sind alle mitgekommen, und die Tapas haben Ihnen geschmeckt. Schaust du dir auch noch etwas anderes als gastrointestinale Themen an? Hast du dafür überhaupt noch Zeit? Du bist auch ESMO-Officer.

Ich schaue mir noch technische Sachen an, wie zum Beispiel heute früh die ctDNA-Session. Das ist wirklich wichtig. Warum? Weil wir da eigentlich auch lernen, was wir in unseren Studien – ob es AIO-Studien oder andere Studien sind – wie einsetzen können. Was wir auch in Zukunft untersuchen sollten, um zusätzliche Daten zu bekommen, neben den klinischen Daten, wie wir die Patienten bestmöglich behandeln sollten.

Gut, das machen wir beide weiterhin, und ich wünsche dir noch viel Spaß in Madrid.

Danke dir.

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